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Wo sind die Erben von Punk und Rock’n’Roll?


Das Schweigen der Popstars

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Manfred Tari

Nina Satorius

7 Minuten

Im Westen viel Neues: Die einen wollen Taylor, die anderen kommen mit Trump. Ein Jahr MAGA-Regierung lässt geopolitisch keine Fragen mehr offen. Spätestens die erste Woche des neuen Jahres hat sämtliche Zweifel ausgeräumt, was gerade ansteht: Radikal-nationalistische-Großmannssucht mit imperialen Zügen, angereichert mit rassistischen, homophoben und autoritären Bestrebungen.

Das Ganze begleitet von einem Spalier strammstehender Firmenchefs, die steueroptimiert und zügellos ihre Vorlieben für Geiz und Gier ausleben. Begleitet und bewundert von nicht wenigen, die genau jene Eigenschaften für erstrebenswert erachten und deren Verwirklichung sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten nur allzu gerne Vorschub leisten.

Wo bleibt der Aufschrei?

Wie und wo aber bleiben die Reaktionen jener Akteur*innen der Popkultur? Wo bleiben der Nachwuchs und die Erben jener gesellschaftlichen Modernisierung, für die einst Generationen von Hippies bis Punks - oder jene, die zuvor Genres wie Jazz, Blues, Bebop oder Rock’n’Roll zugetan waren - ihren Beitrag zum Werdegang des kulturellen Inventars westlicher und demokratischer Gesellschaften leisteten?

Zugegeben, es ist nicht gerade einfach, wenn sich reaktionäre und revisionistische Kräfte von langer Hand und bestens orchestriert vorgenommen haben, ihre antidemokratischen Vorstellungen mittels Populismus und Propaganda zu verwirklichen. Ihnen zur Seite stehen, wie gehabt, jene Befürwortenden konservativer Ideale, die geschichtsvergessen darauf hoffen, dass auch sie politisch auf ihre Kosten kommen. Wobei zu beachten ist, dass Konservatismus - gleich welcher Couleur - ein globales Phänomen ist. 

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Der Musikantenstadl der Pop- und Superstars überlässt derweil die Meinungsbildung der Zivilgesellschaft.
Nennenswerte Protestnoten - bis auf wenige Ausnahmen - ließen bislang auf sich warten, gleiches gilt für eindeutige Protestsongs. Hat sich doch die Upperclass des Unterhaltungsgeschäfts für populäre Musik seit der Machtübernahme des Donny-Fanclubs vor einem Jahr nach anfänglich kritischen Äußerungen zunehmend weniger öffentlichkeitswirksam zu Wort gemeldet. 

Isolierte Proteste statt neuer Hymnen

Erste Anzeichen für einen Stimmungswechsel gibt es, wenn auch wieder nur vereinzelt. Der Anlass ist jedoch nicht die Besorgnis darüber, dass die US-Administration sich ebenso wie die sonstigen Großmächte immer weniger um das Völkerrecht oder Menschenrechte scheren, sondern die anlässlich eines Einsatzes der ICE-Truppen in Minneapolis oftmals als „kaltblütig“ bezeichnete Ermordung von Renee Nicole Good. Eine Tat, die der nicht so bekannte Jesse Wells sogleich mit einer Adaption seines Songs „Join ICE“ musikalisch kommentiert hat.

Selbst auswärtige Popstars wie Duran Duran widmen der Verstorbenen einen Song bei einem Konzert in Sacramento, der Kanadier Neil Young kritisiert die US-Regierung auf seiner Webseite aufs Schärfste. Die US-Bürgerin Billie Eilish indes teilt via Instagram in Großbuchstaben mit „ENOUGH IS ENOUGH“.
Musikmagazine wie Rolling Stone, Billboard oder NME.com liefern dazu die begleitende Berichterstattung, während reguläre Nachrichtenmagazine kaum noch nachkommen, Meldungen über zahlreiche andere Begebenheiten mit politischer Bedeutung zu veröffentlichen.

Glaubwürdigkeit im Zeitalter der Gewinnmaximierung

Lief der Jahreswechsel im Hinblick darauf noch glimpflich ab, überwiegt seit Jahresbeginn in nicht wenigen Redaktionen gerade Vollbeschäftigung und dies mitunter selbst am Wochenende. Kein Wunder, denn die aktuelle Nachrichtenlage ist dynamisch. Da wirkt ein Artikel im deutschen Rolling Stone des Autors Marc Vetter vom 30. Dezember irgendwie halbwegs aktuell und zugleich schon wieder überholt. Unter der Überschrift „Wer Musik macht, sollte nicht Milliarden scheffeln" geht es um die Einkommensverhältnisse der Superstars im Verhältnis zu popkultureller Glaubwürdigkeit unter Berücksichtigung von Prosperität und florierender Geschäftsmodelle. Vetter formuliert es wie folgt, wenn:
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„wir es mit den Begriffen Aura und Authentizität ernst meinen, dann sollten wir uns wenigstens fragen, ob wir in einer Welt leben wollen, in der auch Musiker:innen immer weniger über Dinge nachbrüten (müssen) und vielmehr zu Performance-Aktivisten werden (sollen), die ihre Ideen wie hochemotionalisierte Produkte verkaufen.“
Aber auch wenn die Beach Boys zu Zeiten des Kalten Kriegs mit Hits wie „Surfin USA" den Vereinigten Staaten mittels der Softpower Popmusik ehedem Sympathie verschafften, ging es damals wie heute bereits ums Geldverdienen. Anzumerken ist jedoch auch, dass die USA immer noch auch eine popkulturelle Supermacht sind, deren Musikmachende noch immer aufgrund entsprechender Nachfrage weltweit Stadien und Arenen bespielen können, und dies bekanntermaßen zu beachtlich stattlichen Ticketpreisen.

Ohne Strategie gegen das Playbook der Autokraten

Nostalgisch hingegen muten kollektivistische Initiativen wie „Rock Against Raciscm" oder wie die Benefizveranstaltung Live Aid an, welche im vergangenen Jahr das vierzigjährige Jubiläum beging. Der gegenwärtige politische Richtungswechsel in den USA und andernorts ist indes längst mehr als nur ein Statement, spottet und verhöhnt jene demokratischen Schutzmechanismen wie „Checks & Balances“ oder verfassungsrechtliche Bedenken, die eigentlich verhindern sollten, dass antidemokratisch gesinnte Akteur*innen und deren Parteien in Regierungsverantwortung, oder auf dem Weg dahin, machen können, was sie wollen.
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Die Handvoll Pop-Milliardär*innen und Millionär*innen sind in diesen Zusammenhängen geradezu eine kleine unbedeutende Minderheit, die im Vergleich zu den Tech-Mogulen, den Allmächtigen in der Finanzbranche oder des unternehmerischen Geldadels anmuten wie ambitionierte Kleinanlegende, die ihr Erspartes in ein synthetisches Finanzprodukt in Form eines ETF-Fonds investiert haben.
Es sind jene finanzstarken Kraftprotze, die nicht umsonst beim Gala-Dinner im Weißen Haus oder als edle Spender für einen Ballsaal firmieren und somit die Politik dieser US-Regierung gleichermaßen gutheißen, wie jene wütende Horde, die am 6. Januar 2021 das US-Kapitol stürmte und sich mittlerweile an ihrer Begnadigung erfreut.

Die Illusion der Macht: Popstars vs. Oligarchen

Die amtierenden Powerplayer in den USA verfügen ebenso wie die Populisten in Europa über ein Playbook. Ein Handbuch mit konkreten Zielvorgaben zum Ab- und Umbau staatlicher Strukturen. Von einschlägigen Denkfabriken erdacht, erprobt und erfolgreich umgesetzt. Der Interessensverband der Popstars und Zuliefer-Betriebe verfügen im Vergleich dazu noch nicht einmal über die Erkenntnis, dass weder Kiss-Cams noch gelegentliche Social-Media-Postings ausreichen, diesen Bestrebungen entgegenzuwirken.
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Zu groß deren Egos und zu geizig, um sich gemeinschaftlich an der Finanzierung und Umsetzung von Strategien oder Konzepten zu beteiligen, die der Softpower Weltverbesserung dank Popmusik erneut Wirksamkeit verschaffen könnte.
Gleichwohl ahnen die meisten von ihnen, dass mit jeglichem Widerspruch oder Kritik ein Gefahrenpotenzial einhergeht, welches über einen Shitstorm der MAGA-Fanbase hinausgeht. Fast schon wie eine Pointe oder auch Warnung kommt somit die Meldung daher, wonach das Einhorn unter den Neureichen in den USA für seine Social-Media-Plattform X eine Kartellrechtsklage gegen zahlreiche Musikverlage und deren Standesorganisation eingereicht hat. Der Tech-Bro ist der Ansicht, dass die Musikverlage in den USA sowie die National Music Publishers Association eine Kampagne gegen sein Unternehmen führen, wonach dieses genötigt werden soll, einen Rahmenvertrag zur Nutzung urheberrechtlich geschützter Musik abzuschließen.

Allen Ernstes heißt es unter anderem dazu in der Klageschrift unter Punkt 5: „Im Rahmen dieser Verschwörung setzten die Beklagten den Digital Millennium Copyright Act (DMCA) als Waffe gegen X ein und nutzten den DMCA als Vorwand für ihre erpresserische Kampagne.“

Unbekannt ist, ob die KI-Applikation Grok des besagten Tech-Tycoons beim Verfassen der Klage mitgewirkt hat. Wozu diese allerdings noch so fähig ist, belegen die zahlreichen Berichte über nicht jugendfreie Deep Fake-Videos von Taylor Swift und anderen Popstars. Längst geht es um mehr als nur die Absage von Konzerten und Auftritten durch die Interpret*innen im kürzlich unbenannten Kennedy-Center in Washington aus Protest. Die Befürwortenden autoritärer Machtausübung wissen, was sie wollen und was sie tun. Auch sind ihre Geschäftspartner bekannt. Vielleicht eine Anregung dafür, dass es künftig größerer Anstrengungen bedarf, den Gleichgesinnten mit einer Vorliebe für Autokratie die Vorzüge der Demokratie mit mehr Verve zu verdeutlichen, als dies bislang der Fall war. Oder, frei nach Margo Price: “Don't Let the Bastards Get You Down”